Behandlungsmethoden – Besonderheiten bei älteren Patienten

Je nach Ursache der Blasenschwäche muss zuerst die Grunderkrankung behandelt werden. Das ist aber nicht immer möglich, weil Krankheiten wie multiple Sklerose oder Rückenmarksverletzungen nicht heilbar sind. Oder es liegt gar keine organische Störung vor, wie dies bei einer Dranginkontinenz häufig der Fall ist. Oder der Arzt entscheidet, bei einer vergrößerten Prostata zunächst einmal abzuwarten, bevor er operiert. In all diesen Fällen kann den Betroffenen trotzdem geholfen werden, weil sich zumindest die Symptome deutlich lindern lassen. Häufig verspricht ein Mix aus medikamentöser Therapie und entsprechendem Verhaltenstraining ein nahezu beschwerdefreies Leben.

Behandlungsmethoden im Überblick

BelastungsinkontinenzBeckenbodengymnastik, Östrogene (Frauen), operative Verfahren bei Absenkung der Blasenorgane: Straffung des Bindegewebes, Anheben von Blase und Harnröhre
Dranginkontinenz Toilettentraining, pflanzliche Mittel, Anticholinergika zur Entspannung der Blasenmuskulatur, chemische Mittel, die auf die Prostata wirken (Männer)
ReflexinkontinenzKlopftraining zur Entleerung der Blase, Anticholinergika zur Entspannung der Blase
Überlaufinkontinenz Entfernung der Hindernisse (Harnsteine, vergrößerte Prostata)

Behandlung der Grunderkrankung

Bei hormonellen Veränderungen, Blasensteinen oder einer schwachen Beckenbodenmuskulatur bringt eine Behandlung rasch den gewünschten Erfolg. Ein Hormonmangel in den Wechseljahren kann beispielsweise durch Östrogene in Form von Salben oder Zäpfchen ausgeglichen werden. Blasensteine, die nicht spontan abgehen, lassen sich von außen mit Stoßwellen zertrümmern. Ein gezieltes Beckenbodentraining kann die Muskulatur so weit kräftigen, dass die Blase wieder dicht verschließt. Bei Übergewicht empfiehlt es sich abzunehmen, da die überflüssigen Pfunde den Beckenboden zusätzlich belasten.

Medikamentöse Behandlung

Neben den bereits erwähnten Östrogenen zur Behandlung einer Belastungsinkontinenz gibt es Medikamente, die den Schließmechanismus der Blase stärken. Bei einer Überlaufinkontinenz erleichtern Wirkstoffe aus der Gruppe der Alpha-Rezeptorenblocker die notwendige Entleerung der Blase, indem sie das Prostatagewebe lockern. Um die Blasenmuskulatur zu entspannen, kommen bei der Reflexinkontinenz und vor allem der Dranginkontinenz als häufigster Form der Blasenschwäche Medikamente aus der Gruppe der sogenannten Anticholinergika zum Einsatz. Die für die Reflexinkontinenz typischen unkontrollierbaren Aktivitäten der Blasenmuskulatur werden auf diese Weise gebremst. Der starke Harndrang bei einer Dranginkontinenz lässt durch den verringerten Druck nach, so dass die Blase wieder mehr Urin speichern kann.

Die Wirksamkeit von Anticholinergika ist wissenschaftlich belegt. Mit Hilfe von Botenstoffen wie Acetylcholin werden Signale zwischen den Nervenzellen übertragen. Anticholinergika unterdrücken die Wirkung des Neurotransmitters. Dieser Effekt kann therapeutisch genutzt werden – etwa bei der Behandlung von Parkinson, weil es die Bewegungsstörungen mindert, bei Lungenerkrankungen wie COPD, weil es die Bronchien weitet, oder bei Dranginkontinenz und Reizdarm, weil es die Mobilität von Blase und Darm hemmt.

Neben den typischen Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Magen-Darm-Problemen und Sehstörungen können die Medikamente zu unerwünschten Effekten am zentralen Nervensystem führen. Vor allem ältere Menschen reagieren darauf mit Verwirrtheit, Gedächtnisproblemen, Schwindel, Angstzuständen und Orientierungslosigkeit.

Risiken des anticholinergen Syndroms durch Auswahl der richtigen Medikamente minimieren

Weit verbreitet ist das sogenannte anticholinerge Syndrom. Die Betroffenen zeigen deutliche Symptome einer beginnenden Demenz, wie in Studien herausgefunden wurde. Denn anders als bei einer Blasenschwäche liegt bei Demenz kein Überschuss, sondern ein Mangel an Acetylcholin vor, weshalb Anticholinergika Demenzsymptome verstärken bzw. hervorrufen können. Das Risiko eines anticholinergen Syndroms ist besonders hoch bei älteren Menschen, bei Menschen mit Demenz oder Parkinson, bei Menschen, die Psychopharmaka einnehmen, und allen, die viele verschiedene Medikamente einnehmen müssen.

Umso wichtiger ist es, dass der behandelnde Arzt den ganzen Patienten mit allen Erkrankungen, allen verordneten Arzneimitteln und den möglichen Wechselwirkungen im Blick hat. Deshalb sollte er bei Blasenschwäche eine Substanz auswählen, die die Blut-Hirn-Schranke nicht überwindet und daher auch keine zentralnervösen Nebenwirkungen hervorruft. Die sogenannte PRISCUS-Liste (s. Seite 11) empfiehlt den Wirkstoff Trospiumchlorid als Therapiealternative, da er aufgrund seiner chemischen Struktur praktisch nicht ins Gehirn gelangt und auch nicht über die Leber verstoffwechselt, sondern unverändert über die Nieren ausgeschieden wird. Alle anderen blasenwirksamen Anticholinergika werden wie viele andere Medikamente von Leberenzymen umgebaut. Dabei kann es zu Wirkverstärkungen oder -abschwächungen kommen oder zu Nebenwirkungen. Sogar Johanniskraut und Grapefruitsaft beeinflussen diesen Prozess.

priscusDie PRISCUS-LISTE

In der "Priscus-Liste" haben Wissenschaftler Wirkstoffe zusammengestellt, die für ältere Menschen bedenklich sein können. Folgende Substanzen aus der Gruppe der Anticholinergika zur Behandlung von Inkontinenz gehören dazu. Es werden Therapiealternativen benannt.

Mögliche Nebenwirkungen der Wirkstoffe Oxybutynin und Tolterodin:

  • Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit
  • anticholinerge Effekte

Mögliche Nebenwirkungen des Wirkstoffs Solifenacin:

  • anticholinerge Effekte, insbesondere Mundtrockenheit, Magen-Darm-Beschwerden

Therapiealternativen:

  • Trospiumchlorid
  • nicht medikamentöse Therapien

Maßnahmen, falls die betreffenden Arzneistoffe trotzdem zum Einsatz kommen:

  • klinische Kontrolle der Funktionen des zentralen Nervensystems
  • Beobachtung neurologischer und kognitiver Leistungen
  • Beobachtung der anticholinergen Effekte
  • regelmäßige Kontrolle der Nieren- und Leberfunktion
  • Kontrolle des Blutbilds
  • EKG-Kontrolle
  • ggf. Dosisanpassung

Physikalische Therapie

Die häufigste Ursache für Belastungsinkontinenz bei Frauen ist ein schwacher Beckenboden. Durch gezieltes Training unter fachkundiger Anleitung und später auch allein können Sie die Muskulatur kräftigen, so dass die Blase bei körperlicher Belastung wieder dicht verschlossen ist. Wenn Sie Übergewicht haben, sollten Sie dringend abspecken, da die überflüssigen Pfunde den Beckenboden zusätzlich belasten.

Kontrolle über die Blase verbessern

Da die Dranginkontinenz seltener auf eine organische Störung als Auslöser zurückzuführen ist, gilt es hier in erster Linie, die Symptome zu bekämpfen. Neben der medikamentösen Behandlung, die bei beiden Formen der Dranginkontinenz eine zentrale Rolle spielt, kommen in leichten Fällen auch pflanzliche Mittel und Tees zum Einsatz. Mit einem gezielten Blasentraining können Sie zudem die Kontrolle über Ihre Blase verbessern und die Abstände zwischen den Toilettengängen verlängern. Vor und während des Trainings ist es hilfreich, ein Miktionstagebuch zu führen. Bei einer Reflexinkontinenz ist der Behandlungserfolg nur schwer abzusehen, da die Nerven im Rückenmark unterbrochen sind. Mit Hilfe des Klopftrainings wird die Blase in regelmäßigen Abständen zur Kontraktion gezwungen. Ziel ist die vollständige Entleerung der Blase, um Infektionen vorzubeugen. Da bei einer Überlaufinkontinenz in der Regel Hindernisse wie Harnsteine oder eine vergrößerte Prostata die Harnröhre verengen, steht hier die Beseitigung der Ursache bei der Behandlung im Vordergrund.

Operative Verfahren

Wenn Blasensteine, eine vergrößerte Prostata, Tumore oder Blasenfisteln die Inkontinenz ausgelöst haben, müssen diese Hindernisse operativ entfernt werden. In allen anderen Fällen kommt eine Operation nur dann in Betracht, wenn konventionelle und medikamentöse Behandlungsmethoden fehlgeschlagen sind und eine gesicherte Diagnose vorliegt. Bei schwerer Belastungsinkontinenz besteht die Möglichkeit, das Bindegewebe des Beckenbodens zu straffen, wobei dieser Eingriff nach ein paar Jahren eventuell wiederholt werden muss. Ist ein Absenken der Blasenorgane für die Inkontinenz verantwortlich, können Blase und Harnröhre angehoben werden, um die ursprüngliche Lage wiederherzustellen. Bei einer Harnröhrenunterspritzung werden Kunststoffe oder Bindegewebssubstanzen um die Harnröhre im Bereich des Blasenhalses gespritzt. Dieser zusätzliche Druck verbessert die Verschlussfähigkeit der Blase. Die TVT-Operation (Tension-free Vaginal Tape) lässt sich sogar bei örtlicher Betäubung vornehmen. Um den Druck in der Harnröhre zu erhöhen, können Blasenhals und Harnröhre auch mit Schlingen im Bauchraum befestigt werden.